7 Fragen an Hannes Juninger-Gestrich

2021_07_29_Carbonfuture_Hannes Junginger

 

Wenn wir C-Senken im Gigatonnen-Bereich ausbauen wollen, benötigen wir ein skalierbares Framework (Rahmenwerk) zur Senkenfinanzierung. In diesem Zusammenhang stoßen wir auf die Begriffe "CO₂-Zertifikate" und "CO₂-Senkenzertifikate". Kannst Du uns den Unterschied erklären?

Sehr gerne. Die Grundidee an sich ist recht simpel: Mit Emissionshandel soll der CO₂-Ausstoß gesenkt werden. Wer Kohlendioxid in die Atmosphäre bläst, muss dafür bezahlen. Das nennt man dann Verursacherprinzip. Die EU hat vor einiger Zeit einen Emissionshandel eingeführt, der beabsichtigt hat, dass Unternehmen für ihren CO₂-Ausstoß Emissions-rechte erwerben müssen. Ein CO₂-Zertifikat berechtigt dazu, innerhalb einer bestimmten Periode eine Tonne Kohlendioxid auszustoßen. Am Ende des festgelegten Zeitraums muss das Unternehmen nachweisen, dass seine gesamten Emissionen durch Zertifikate abgedeckt sind. Wenn der Ausstoß eines Unternehmens die ihm zugeteilten Emissionsrechte überschreitet, dann können die Betriebe drei Dinge tun: Erstens, Maßnahmen zur CO₂-Verringerung ergreifen, zweitens Zertifikate von anderen am Emissionshandel beteiligten Unternehmen im In- und Ausland kaufen, die sie nicht brauchen oder drittens, Zertifikate aus Klimaschutzprojekten im Ausland erwerben. Damit sollte insgesamt eigentlich ein Anreiz geschaffen werden, weniger CO₂ zu emittieren. Das hat sich aber eher in einen „Ablasshandel“ entwickelt, der dem Klimaschutz gar nicht geholfen hat. Auf dem freiwilligen Markt werden auch Zertifikate für Klimaprojekte an Unternehmen verkauft, die ihre Emissionen aus eigenem Antrieb ausgleichen wollen, beispielsweise durch die Finan-zierung von effizienten Solarkochern oder Waldschutz in Entwicklungsländern oder auch indem ein anderes Unternehmen durch unterschiedliche Maßnahmen auf Emissionen verzichtet beziehungsweise diese reduziert. Jetzt kommt der Bogen zu den CO₂-Senkenzertifikaten: all diese Maßnahmen zur Emissionsreduktion sind nicht ausreichend dafür, dass sich bedeutend weniger CO₂ in der Atmosphäre befindet als vorher. Um dem 1,5 Grad Ziel des Pariser Klimaabkommens auch nur nahe zu kommen, müssen daher hunderte Tonnen aktiv entnommen und gespeichert werden. Anders gesagt: eine Tonne CO₂ an einem Ort ausgestoßen aber an einem anderen Ort vermieden ergeben immer noch eine Tonne CO₂ in unserer Atmosphäre. Einen schlechten Ruf haben auch Projekte bekommen, die nicht halten was sie versprechen. Auf- oder Wiederaufforstungsinitiativen, die nach vier Jahren von Waldbränden heimgesucht werden oder deren CO₂ einsparende Effekte doppelt versprochen werden – das führt alles zu einem Mangel an Vertrauen im gesamten Markt. Hier kommen CO₂-Senkenzertifikate ins Spiel. Diese besagen, dass pro erworbenem Credit eine Tonne CO₂ aktiv der Atmosphäre entzogen und dauerhaft gespeichert wird.

 

Auf dem Markt gibt es verschiedene CO2-Senkenzertifkate mit unterschiedlichen Rahmenbedingungen. Wodurch zeichnen sich Eure Senken-Zertifikate aus?"

Die meisten Zertifikate beziehen sich, wie eben diskutiert, auf Emissionsreduktionsprojekte. Bei den Senken gibt es aktuell vor allem die naturbasierten Lösungen wie Aufforstung und Humusaufbau. Hier sind die Quantifizierung und die Sicherstellung der Dauerhaftigkeit sehr anspruchsvoll. Unsere Pflanzenkohle-basierten Zertifikate haben es hier ein bisschen leichter: Wir können sehr genau sagen wieviel Kohlenstoff dauerhaft gespeichert ist. Das ist der Hauptunterschied. Wir nehmen's außerdem auch sehr genau was die Dokumentation und die Transparenz angeht. Zum Beispiel gibt es bei uns erst Credits, wenn die Klimaleistung auch wirklich erbracht wurde. Klar sind Vorfinanzierungen sehr wichtig, da unterstützen wir auch, unterscheiden das aber strikt.

 

Braucht es diese Zertifikate für die CO₂-Rückholung?

Definitiv. Neben der Emissionsvermeidung, die immer an erster Stelle kommen sollte, bedarf es der aktiven Entfernung von hunderten Tonnen unvermeidbarer und historischer Emissionen. Die Notwendigkeit für unterschiedlichste C-Senken ist also unumstritten. Gleichzeitig spielen, neben der reinen Technologie, die Zertifikate selbst eine wichtige Rolle. Sie dienen als Art Katalysator für schnellere Klimaschutzmaßnahmen, setzen einen Preis für CO₂ fest, ziehen Finanzmittel für förderungswürdige Klimaschutzprojekte an, entwickeln und verbreiten Lösungen, die uns dabei helfen Emissionen drastisch zu reduzieren, und ermöglichen es den Unternehmen zu handeln.

Das Stichwort Skalierbarkeit bleibt hier aber das A&O. Weltweit müssen wir bis Mitte des Jahrhunderts den Netto-Nullpunkt erreichen, und danach müssen wir klimapositiv werden. Jährlich müssen also ungefähr 10 Mrd. Tonnen CO₂ sequestriert werden– und wir reden hier von dauerhafter Speicherung. Da können wir uns nicht 2049 umdrehen und erwarten, dass alle Technologien einsatzbereit dastehen. Der heutige Erwerb von Zertifikaten ermöglicht Investition in diejenigen Innovationen, die erforderlich sind, um die Kosten für neue Klimatechnologien zu senken. Um der Nachfrage gerecht werden zu können, wird einen Kohlenstoffmarkt benötigt, der groß, transparent, überprüfbar und ökologisch robust ist. Und der erschafft sich nicht von allein.

 

Wie kann man sicherstellen, dass Käufer:innen tatsächlich so viel CO₂-Senke bekommen, wie das Zertifikat bescheinigt?

Auch hier kommen wieder Transparenz und Vertrauen ins Spiel – bei der Berechnung des Senkenwerts und bei der Ausstellung der Credits. Wir bei Carbonfuture wollen hier Vorbild für die gesamte sich entwickelnde Branche sein. Das heißt, wir bieten von Grund auf ausschließlich wissenschaftlich fundierte und von Drittparteien unabhängig geprüfte Credits an. Da wir unseren Fokus auf solide Klimaleistung setzen, beruhen unsere Senken auf einem defensiv quantifizierten Wert. Die Integrität der Credits wird zusätzlich durch fälschungssicheres, digitales Nachverfolgen anhand einer innovativen und energiearmen Blockchain unterstützt. Der Einsatz dieser Technologie ermöglicht nicht nur einen einzigartigen "credit-to-cradle look-through", sondern wirkt auch dem weit verbreiteten Problem der sogenannten "Doppelzählung" entgegen: Durch das lückenlose Tracking können wir jeden Schritt unserer Pflanzenkohlesenken nachverfolgen – von der Produktion bis zum Endanwender. Und die Credits selbst werden anonymisiert auf einem Register öffentlich gezeigt, so dass auch eine mehrfache Inanspruchnahme ausgeschlossen ist. Die Kombination aus wissenschaftlichem Fundament und technologischer Nachverfolgung ermöglicht uns, unseren Kunden Credits anzubieten, die eine Tonne CO₂ für mindestens 100 Jahre sicher der Atmosphäre entziehen.

 

Gibt es Senken, die dauerhaft sind?

Es gibt „bewirtschaftete Senken“ wie Wälder oder Boden-humusprojekte. Diese sind für den Klimaschutz sehr wichtig und haben auch darüber hinaus großen ökologischen und wirtschaftlichen Wert.

Daneben gibt es auch die Möglichkeit, CO₂ der Atmosphäre zu entziehen und dauerhaft zu speichern, ohne dass dafür noch ein aktives Management der Senken notwendig wäre. Das sind einerseits die industriellen Ansätze, wie aus der Luft oder aus dem Abgas von Biomasseverbrennung gefiltertes CO₂ geologisch oder in Baumaterialien dauerhaft zu speichern. Andererseits gibt es auch die faszinierende Möglichkeit, die natürliche Verwitterung von Gesteinen wie Basalt oder Olivin zu beschleunigen, wobei ebenfalls CO₂ dauerhaft gebunden wird.

Die Anwendung von Pflanzenkohle ist eine besonders spannende dauerhafte Senke: Als Bodenhilfsstoff oder in Baumaterialien hat sie vielseitigen Anwendungsnutzen, dadurch ist sie die derzeit ökologisch und ökonomisch effizienteste Lösung. Sie ist die einzige dauerhafte Senkentechnologie, die bereits jetzt wissenschaftlich breit verstanden, sauber quantifiziert und voll skalierbar bereitsteht.

Wichtig zu verstehen: Die Zeit der Rosinenpickerei ist vorbei. Wir werden alle Ansätze benötigen, um der Klimakrise entgegenzuwirken. Manche Lösungen sind eben noch nicht so weit wie andere.

 

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit dauerhafte Senken entstehen können? Welche Akteure braucht es?

Hier spielt der freiwillige Markt eine wichtige Rolle, denn hier werden Instrumente und Regelwerke rasch entwickelt und erprobt. Für eine wirksame Umsetzung wird es selbstverständlich zusätzlich staatlich regulierte Systeme brauchen.

Wie im Bereich der Erneuerbaren Energien, beginnt es mit den Pionieren – zum Beispiel die ETH-Ingenieure von Climeworks in Zürich, oder Pyrolyseanlagenbauer von Pyreg in Dörth. Diese erschließen zusammen mit Wissenschaftlern die Technologien. Um diese dann zu realisieren und in das nötige Volumen zu bringen, braucht es Standards, wie zum Beispiel das EBC Zertifikat für Pflanzenkohle, Auditoren, Finanzinvestoren und digitale Plattformen wie carbonfuture.

In einem dritten entscheidenden Schritt muss die Politik die Rahmenbedingungen so setzen, dass die Schaffung von Senken realisiert wird, durch steuerliche Anreize und verbindliche Volumenziele, sonst klappt es nicht schnell genug.

 

Wie sieht der Markt für CO₂-Senken-Zertifkate aktuell aus? Wie wird er sich in den nächsten 5 Jahren entwickeln?

Aktuell kann man meiner Meinung nach noch nicht von einem funktionierenden Markt sprechen: Es fehlt noch an Vertrauen und Transparenz sowie einheitlichen Standards und auch wenn die wenigen Anbieter von (dauerhaften) CO₂-Senken alle praktisch ausverkauft sind, stehen dahinter nur eine Handvoll Käufer. Vorausschauende Käufer, insbesondere Unternehmen mit ernsthaften Netto-Null-Zielen, beginnen langfristige Kaufverträge abzuschließen, um sich Zugang zu Senken zu bezahlbaren Preisen zu sichern. Wir sehen beeindruckendes Wachstum bei der Senkenschaffung von weit über 100 % pro Jahr – aber selbst das reicht nicht, wir werden Skalierungssprünge sehen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir schon in weniger als fünf Jahren mit Pflanzenkohle mehr als eine Million Tonnen CO₂ jährlich rigoros berechnet und geprüft speichern können. Dann müssen wir aber immer noch um mindestens einen Faktor 1000 wachsen, um das Klima zu retten. Interessant ist, dass die Preiserwartungen immer noch sehr unterschiedlich sind. Es zeichnet sich aber ab, dass dauerhafte Senken mittelfristig 200 € pro Tonne CO₂ kosten werden.

 

Wie ist Eure Haltung zu dem ETS-Markt? Verhindert Ihr eine Aufnahme Eurer Zertifikate in dieses Modell? Wenn ja, wie?“

Wir sehen den aktuellen regulierten Markt ebenfalls kritisch. Unser Ziel ist es, mit Carbonfuture im freiwilligen Markt zu erproben und aufzuzeigen, wie wirksame Instrumente ausgestaltet werden müssen. Schlussendlich wird Regulierung entscheidend sein, um die Klimakrise abzumildern. Wenn wir die Messlatte hochlegen, können wir die Regulierung in die richtige Richtung beeinflussen.

 

 

        Für das Interview danken wir herzlich!

Zum Artikel: Senken-Ökonomie - Pioniere und Ausblick