Energiewende: jetzt loslegen! – Im Kreis Ahrweiler und in allen Kommunen in Deutschland

 

Nach Flutkatastrophen wie im Ahrtal besteht der große Wunsch "Normalität wiederherzustellen". Doch diese "Normalität" sollte auf Basis Erneuerbarer Energien aufgebaut sein. Dafür hat eine Projektgruppe ein Konzeptpapier eingereicht für einen nachhaltigen Wiederaufbau und Nutzung regenerativer Energien im Kreis Ahrweiler.

 

In den Nachwirkungen der Flutkatastrophe im Ahrtal im Juli 2021 steht die Regionalpolitik vor immensen Aufgaben. Es geht vielfach darum „Normalität wiederherzustellen“.  Angesichts der Klimakrise und des aktuellen Krieges  kann eine „Normalität der Zukunft“ aber nur auf Basis erneuerbarer Energien entstehen.  Davon geht auch das im September 2021 veröffentlichte Impulskonzept „Aus Ahrtal wird SolAHRtal“ aus.   Auf das Ziel „100% erneuerbare Energie“ sollte nach dem Willen der Gremien des Kreises Ahrweiler auch eine Projektgruppe ausgerichtet werden („Energiebewusstes Bauen und Nutzung regenerativer Energien im Ahrtal“, Kreis- und Umweltausschuss des Kreises Ahrweiler, 13. September 2021). Erneuerbare Energien für die Stromerzeugung waren im Kreis Ahrweiler vor der Flutkatastrophe nur unterdurchschnittlich ausgebaut, ebenso für die Wärmeversorgung,   eine Diagnose, wie sie wohl für viele Kommunen in Deutschland zutrifft.

 

Ausgangssituation in vielen Kommunen

 

Die Umsetzung auf kommunalen Ebenen ist die conditio sine qua non der Energiewende.   Allerdings erfordert dies finanzielle, personelle und fachliche Ressourcen, um etwa eine Flächenplanung für erneuerbare Energieträger (Photovoltaik, Windkraft, Biomasse) oder eine kommunale Wärmeplanung auf Basis erneuerbarer Wärme umzusetzen. Auch Gebäude und Quartiere, die Gestaltung öffentlicher Räume und die Planung von (öffentlichem) Verkehr und Mobilität erfordern ganzheitliche (stadtplanerische) Herangehensweisen, die die Treibhausgas-Fußabdrücke von Hoch- und Tiefbau genauso berücksichtigen wie die Klimaauswirkungen der Energiebereitstellung

Für Kommunen ist Klimaschutz derzeit mehr oder weniger freiwillig, und Vorreiter im Klimaschutz zu sein bedeutet viel zu investieren. Im Gegenzug werden die Gewinne, die solche Investitionen abwerfen, häufig unterschätzt: regionale Wertschöpfung, geringe Schadstoffbelastung von Luft und Natur sowie menschenfreundlichere Stadt- und Straßenbilder.

Außerdem werden Treibhausgas-Ziele in Kommunen nur selten in einem vollen Zyklus von Planung -> Monitoring -> Nachsteuerung verfolgt. Ambitionierte Ziele werden zwar häufig formuliert, ein Verfehlen der Ziele eventuell dokumentiert, aber vielfach wird nicht nachgesteuert.

 

Projektvorschlag schlägt integrierte Planung vor

 

Aktuell liegt für den Kreis Ahrweiler ein detailliert ausgearbeiteter Projektvorschlag „Nachhaltiger Wiederaufbau und Nutzung regenerativer Energien im Kreis Ahrweiler“ vor, mitgewirkt haben ehrenamtlich über 40 Beteiligte aus wissenschaftlichen Einrichtungen, Fachverbänden, gemeinnützigen Vereinigungen und Beratungsdienstleistern (u.a. Hochschulen wie z.B. Trier, Köln und Bingen, Forschungsinstitute wie IQIB/ Bad Neuenahr, IfaS/ HS Trier, Birkenfeld, Transferstelle Bingen/ TSB sowie Facilitators for Future). Input gaben kommunale Akteure sowie Vertreter der Erneuerbaren-Energien-Branche; die Energieagentur Rheinland-Pfalz beriet fachlich.

In Abbildung 1 ist die Struktur grob skizziert. Übergreifend sollen durch Kommunikations- und Partizipationsprozesse die verschiedenen Handlungsfelder koordiniert und Bürger*innen von Anfang an mit einbezogen werden.

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Abb. 1 — Strukturelemente des Projektvorschlags „Nachhaltiger Wiederaufbau und Nutzung regenerativer Energien im Kreis Ahrweiler“ (Kreise: Handlungsebenen, Rechtecke: 6 Themen der ersten Zukunftskonferenz im Kreis Ahrweiler) • 

Im Handlungsfeld Wärmeleitplanung und energetische Sanierung soll u.a. nach dem Vorbild der kommunalen Wärmeplanung  ortsspezifisch ermittelt werden, welche Siedlungsgebiete sich auf Basis lokal verfügbarer Wärmequellen und zukünftiger Wärmebedarfe für die Errichtung von Wärmenetzen eignen, welche Art von Wärmenetzen am besten angepasst ist und wo Einzelhauslösungen umgesetzt werden müssen (hier bevorzugt Wärmepumpen).

Im Handlungsfeld Energieregion soll ein Bilanzkreismanagement genutzt werden, um Stromerzeugung und -verbrauch koordiniert auszugleichen. Ziel ist es, möglichst viel regionalen Strombedarf durch regionale Erneuerbare Energien zu decken. Perspektivisch soll durch Steuerungseinheiten und zunehmende Integration von Speichern kontinuierlich Strom aus regionalen erneuerbaren Energien bedarfsdeckend bereitstehen.

Im Handlungsfeld Raum- und Flächenplanung und Beschleunigung Ausbau Windkraft und Photovoltaik sollen die Kommunen unterstützt werden, die Voraussetzungen zu schaffen, dass Photovoltaik und Windkraft in den nötigen Mengen in der nötigen Geschwindigkeit ausgebaut werden können, u.a. durch Raum- und Flächenplanung sowie eine schlanke Organisation von Genehmigungsprozessen.

Die Vorteile liegen auf der Hand: eine wachsende regionale Wertschöpfung, neue Arbeitsplätze, Verbesserung der Luft und Gesundheit, stabile Energiepreise und Versorgungssicherheit

Urban Weber

 

Kreis Ahrweiler: Aktueller Stand und Hoffnung für den weiteren Weg

 

Der aktuelle Projektvorschlag adressiert den im September 2021 von den Kreisgremien beschlossenen Auftrag. Für die Umsetzung des Projekts stehen viele Institutionen bereit. Um loslegen zu können, bedarf es nun: (i) des politischen Willens und (ii) einer Finanzierung, die auf Bundes- und / oder Landesmittel zurückgreift (der Wiederaufbaufonds steht hierfür nicht zur Verfügung).

Die  Vorteile für Regionen, die sich jetzt auf diesen Weg machen, liegen auf der Hand: wachsende regionale Wertschöpfung, neue Arbeitsplätze, Ansiedlung nachhaltig wirtschaftender Unternehmen, Verbesserung der Luft und der Gesundheit, stabile Energiepreise und Versorgungssicherheit. – Eine angepasste Förderstruktur (mit Bund und Land) würde die bereits stark geforderten Kommunen entlasten und die notwendige fachliche und finanzielle Unterstützung ermöglichen.

Die Arbeitsweise in Kommunen wird im aktuellen Jahrzehnt so geprägt sein, wie im aktuellen Projektvorschlag beschrieben. Nur durch eine derartige Infrastrukturplanung lassen sich die ambitionierten Ziele der Energiewende erreichen. Allerdings sind bisherige Förderinstrumente nicht auf eine solche integrierte Herangehensweise ausgerichtet. Es ist daher höchste Zeit, derartige Projekte als Pilotprojekte anzugehen, sonst besteht die Gefahr, dass die Klimapolitik und die Energiewende an den ungeeigneten Strukturen und der mangelnden Ausstattung der Kommunen scheitert.

Wenn es gelingt, im Kreis Ahrweiler ein solches Pilotprojekt auf den Weg zu bringen, besteht die Chance, dass dieser noch stark durch die Flutkatastrophe geprägte Kreis  aus seiner Position des Nachzüglers im Bereich Erneuerbare Energien in die Rolle des Vorreiters wechseln kann.

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Prof. Dr. rer. nat. Urban Weber

Professor für Physik und angewandte Materialwissenschaften an der TH Bingen, hat in der Glas- und Solarindustrie gearbeitet und ist seit 2018 Professor für die Fachgebiete Physik und angewandte Materialwissenschaften sowie Studiengangsleiter für Energie-, Gebäude- und Umweltmanagement.