Was ist der richtige Begriff?

 

Solaranlagen auf Freiflächen bieten ein enormes Potenzial für die Energiewende, das unbedingt genutzt werden sollte. Offenland-Photovoltaik-Anlagen können jedoch zu einem Landnutzungskonflikt mit der lokalen Landwirtschaft führen. Glücklicherweise kann dieses Problem mit dem Konzept der sogenannten Agrarphotovoltaik gelöst werden, das die gemeinsame Erschließung von Flächen sowohl für Photovoltaik als auch für die Landwirtschaft darstellt. Dieses Konzept steigert die Flächeneffizienz, bietet zudem Synergieeffekte, wie zum Beispiel geringeren Bewässerungsbedarf durch Verschattung der Module oder lokale Nutzung des Stroms durch elektrisch betriebene Ackergeräte, und Möglichkeiten zur Umsetzung von Naturschutzzielen. Leider werden diesem Konzept in Deutschland diverse Hürden, vor allem von Seiten des Genehmigungs- und Planungsrecht, entgegengestellt. In vielen anderen Ländern der Welt wie z.B. in Japan, China und Frankreich gibt es längst spezielle staatliche Förderprogramme. Weltweit wurden dadurch bereits mehr als 2.200 Anlagen installiert.

In diesem Artikel über die bisher in Deutschland kaum umgesetzten und vielversprechenden Form der erneuerbaren Energieversorgung soll es um die unterschiedlichen Namensgebungen gehen und eine begriffliche Abgrenzung zu anderen Photovoltaikanlagen auf Offenlandflächen herstellen.

Eine der ersten wissenschaftlichen Institute, die in Deutschland mit der Forschung von Agrarphotovoltaikanlagen begannen, ist das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg im Breisgau zu nennen. Mit einer Versuchsanlage in der Gemeinde Heggelbach am Bodensee untersuchten sie bis Anfang dieses Jahrs den Einfluss der Freiflächen-Photovoltaik auf die Landwirtschaft. Das ISE arbeitete dabei lange Zeit mit dem Begriff ‚Agrophotovoltaik‘, welches sich aus den Bestandteilen von lateinisch ‚ager‘ für Acker und dem bereits bekannten ‚photovoltaik‘ zusammensetzt. Bald wurde klar, dass „Agro“ eine zu ähnliche Klangart zum negativ konnotierten Begriff ‚aggro‘ mitschwingt, der sich von aggressiv ableitet. Im Sprachgebrauch kann man zwischen beiden Formen (agro und aggro) keinen Unterschied feststellen. Und ein negativer Beiklang sollte bei einer so vielsprechenden und positiven Form der erneuerbaren Energieversorgung vermieden werden. Deshalb benutzte das ISE den Begriff der ‚Agrarphotovoltaik‘, um diesem Sprachkonflikt entgegenzuwirken und zudem klarer ist, wovon die Rede ist. Weitere Formen der Bezeichnung der Bezeichnungsmöglichkeiten stammen aus dem internationalen Raum. Dort wird meist von ‚Agriphotovoltaics‘ oder kurz ‚Agrivoltaic‘ gesprochen, die deutsche Vorsilbe ‚Agrar‘ ist dort nicht verwendbar. Die beiden Formen mit ‚agri‘ werden also vor allem in internationalen Veröffentlichungen verwendet, während in Deutschland sicherlich die Bezeichnung ‚Agrarphotovoltaik‘ am sinnvollsten ist. Das Fraunhofer ISE hat sich jedoch jüngst mit anderen Akteuren aus der Branche auf den Begriff Agri-PV geeinigt. Alle Begrifflichkeiten haben jedoch die Abkürzung ‚APV‘ gemeinsam, die in Deutschland und international einheitlich verwendet werden kann.

"In Deutschland sollte die Bezeichnung ‚Agrarphotovoltaik‘ durchgängig genutzt werden."

Johannes Jung

Weitere Nutzungsformen von Solaranlagen auf Offenlandflächen umfassen in Deutschland die konventionelle Nutzung von Freiflächenanlagen und die sogenannten Biotop-Solarparks. Beiden Nutzungsformen geht eine Umwandlung von ehemals landwirtschaftlich genutzten Flächen voraus. Andere zur Verfügung stehende Flachen sind Angrenzungen an Verkehrswege wie Autobahnen und Schienenverkehr oder anderweitig nicht nutzbaren Flächen wie Mülldeponien und Konversionsflächen aus wirtschaftlicher und militärischer Nutzung (im EEG klassifizierte „Sondergebiete Photovoltaik”).

Bei den Biotop-Solarparks steht jedoch neben der Stromproduktion auch der Naturschutz im Vordergrund, der durch größere Reihenabstände und höhere Modulreihen das Wachstum von bedrohten Pflanzenarten und somit auch Einfluss auf die Ansiedlung der Tierwelt wie Wildbienen ermöglichen kann. Bei beiden Nutzungsformen, Freiflächenanlagen und Biotop-Solarparks, ist keine weitere landwirtschaftliche Nutzung möglich, sei es direkte Beackerung mit Nutzpflanzen und die direkte Beweidung mit Nutzvieh oder Mahd. Anders bei der Agrarphotovoltaik: Überkopfmodule, vertikale Aufständerung oder größere Reihenabstände ermöglichen die Beackerung der Fläche mit landwirtschaftlichen Geräten. Dadurch kann eine bisher nur eindimensional genutzte landwirtschaftliche Fläche durch eine Doppelnutzung mit Solarmodulen zusätzlich der Stromproduktion dienen. Aber auch der Naturschutz kann durch Blühstreifen unter den Modulreihen umgesetzt werden. Somit kann diese in Deutschland neuartige Form der Flächennutzung in Zukunft eine nachhaltige und effizientere Landnutzung darstellen.

 

Weitere Infos zum Thema: https://www.ise.fraunhofer.de/de/veroeffentlichungen/studien/agri-photovoltaik-chance-fuer-landwirtschaft-und-energiewende.html

 

Zum Autor:

Johannes Jung, derzeit noch Masterstudent der Umweltwissenschaften an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Seine Masterarbeit, die im Dezember 2020 eingereicht wird, hat das Thema „Abschätzen des technischen Potentials und des Life Cycle Impact (Ökobilanz) von Agrarphotovoltaikanlagen und deren Umsetzung in der Region Freiburg“. Nebenbei arbeitet er am Fraunhofer ISE in Freiburg als Hilfswissenschaftler. Zudem ist er einer der Einzelkläger der Klimaklage des SFV.