Solarenergie-Förderverein Deutschland e.V. (SFV)

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Offener Brief an Wolf von Fabeck (Solarenergie-Förderverein)

Sehr geehrter Herr von Fabeck,

da Sie die Naturstrom AG in Ihrer Email vom 15. Dezember 2000 direkt ansprechen, möchten wir Ihnen gerne antworten. In vielen Punkten können wir Ihren Aussagen beipflichten, in den wichtigsten gehen Sie allerdings fehl. Da wir nicht auf alle Aspekte Ihrer Kritik eingehen können, möchten wir nur zu Ihren beiden Hauptvorwürfen Stellung nehmen, die lauten:

Die Mehrzahl der Ökostromhändler ermöglicht keinen zusätzlichen Impuls für die Erneuerbaren Energien.

Diejenigen Ökostromhändler, die diesen Impuls doch auslösen können, arbeiten als "ineffiziente Spendensammler".

Mit dem ersten Vorwurf haben Sie - was die "Mehrheit" angeht - zwar leider recht, jedoch ziehen Sie daraus die falschen Schlüsse. Denn es ist keinesfalls so, dass dieser Umstand noch nicht erkannt worden wäre oder die interessierten Verbraucher den - wohlmöglich täuschenden - Aussagen der Ökostromanbieter hilflos ausgesetzt sind.

Es gibt zwei Institutionen in Deutschland, die Ökostromangebote glaubwürdig zertifizieren: Grüner Strom Label e.V. - getragen von BUND, NABU, Eurosolar u.a.- sowie EnergieVision e.V. - getragen von Ökoinstitut, WWF und Verbraucherzentrale NRW. Beide Vereine schließen die - von Ihnen zu Recht kritisierte - Lastenverschiebung vom EEG hin zu gutgläubigen Ökostromkunden aus. Solche Angebote sind dort nicht zertifizierbar. Damit besteht ein Konsens in Ihrem Sinne, der von allen großen Umwelt- und Verbraucherverbänden - mit der Ausnahme von Greenpeace - getragen wird. Ein entsprechendes Papier füge ich bei. Es ist schade, dass Sie diese Tatsache in Ihrer Email überhaupt nicht erwähnen.

Die Lastenverschiebung läßt sich am einfachsten durch ein als Zuschuss-, Aufschlag- oder auch Fondsmodell bezeichnetes Verfahren ausschließen, das Sie in Ihrer Email auch weitgehend richtig beschrieben haben.

An dieser Stelle aber eine wichtige Klarstellung: Die Naturstrom AG zahlt keine "Spenden", sondern den Preis für eine definierte Umweltdienstleistung: die Produktion von Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Der Begriff Spende ist juristisch, insbesondere handels- und steuerrechtlich, falsch und wird von uns deswegen ganz bewusst nicht verwendet. Tatsächlich steht den zusätzlichen Kosten für den Kunden auch eine zusätzliche Gegenleistung, nämlich die Umweltentlastung durch den Bau neuer Anlagen zur Nutzung Erneuerbarer Energien gegenüber. Der Umweltnutzen wird sozusagen von der reinen Stromproduktion abgekoppelt. Nur weil sich die Einnahmen des Anlagenbetreibers aus zwei Quellen, der Einspeisevergütung und dem Zuschuss zusammensetzen, ist letzterer noch keine "Spende", also eine Zahlung ohne konkrete Gegenleistung.

Wir haben nicht behauptet, dass die Naturstrom AG Spenden zahlt, sondern dass sie Spenden einsammelt

Zurück zu der Zertifizierungsfrage. Leider tragen nur wenige der bekannten Ökostromanbieter eines der beiden glaubwürdigen Zertifikate. Diejenigen, die es tun, tragen jedoch tatsächlich zum Ausbau der Erneuerbaren Energien über das EEG hinaus bei. Ihre Aussage "ein zusätzlicher Impuls findet in der Praxis nicht statt" ist daher so falsch. Der SFV könnte als bekannter, gemeinnütziger Verein die Namen der glaubwürdig zertifizierten Ökostromanbieter regelmäßig veröffentlichen und so ganz konstruktive Hilfestellung für den Verbraucher geben.

Was die Naturstrom AG betrifft, so haben wir bis heute allein mit 20 neuen Photovoltaikanlagen (rund 200 kW Leistung) langfristige Verträge über die Erzeugung von Solarstrom abgeschlossen. Allen diesen Anlagen werden über das EEG hinaus zusätzlich Vergütungen gezahlt. Die Daten der Anlagen sind jederzeit unter www.naturstrom.de im Internet einsehbar. In diesem Jahr werden wir mindestens noch einmal soviel neue Leistung fördern. Soweit es sich um größere Anlagen handelt, werden von uns fast ausschließlich regionale Gemeinschaftsanlagen als Erzeuger ausgewählt.

Nun konstatieren Sie, dass die Naturstrom AG tatsächlich einen zusätzlichen Impuls auslöst, dies aber - so Ihr zweiter Vorwurf - grundsätzlich nur "beklagenswert ineffizient" umsetzen kann. Für den Verbraucher sei es allemal besser, sich an einer ggf. unrentablen Gemeinschaftsanlage zu beteiligen, als das Geld an die Naturstrom AG oder ein ähnliches Unternehmen zu geben.

Der Gegensatz, den Sie damit aufbauen, ist aber vollkommen verfehlt. Wer sich an Gemeinschaftsanlagen und Fonds beteiligen kann und möchte, soll dies tun. Allerdings werden hier in der Regel Mindesteinlagen von 5.000 oder 10.000 DM gefordert. Der Grund ist einfach: Die Verwaltungskosten (Registereintragungen, Notargebühren, Buchführung, Steuerberatung, Gesellschafterversammlungen, etc.) fressen die kleinen Beträge auf. Wenn viel ehrenamtliche Arbeit eingebracht wird, kann man bei einzelnen Projekten auch schon mit 1.000 DM einsteigen, darunter ist aber fast nichts möglich. Allerdings sind diese Projekte sehr rar.

Wie sieht es bei der Naturstrom AG aus? Der Durchschnittshaushalt verbraucht etwa 2.500 Kilowattstunden (kWh) im Jahr. Bei 8 Pfennig Aufschlag pro kWh ergibt sich ein jährlicher Zuschussbetrag von 200 DM. Dieser Betrag wird mit der ohnehin notwendigen Stromrechnung automatisch eingezogen. Naturstrom sucht entsprechende Erzeugungsanlagen aus, schließt Verträge ab und lässt sich die Angemessenheit des Zuschusses vom Zertifizierer bestätigen.

Fazit: Das Aufschlagmodell für Ökostromhandel ist keine ineffiziente, sondern im Gegenteil eine sehr effiziente Form, um kleine Geldbeiträge für zusätzliche Ökostromerzeuger einzusammeln! Strom braucht schließlich jeder. Erst wenn man deutlich mehr als das Zehnfache pro Jahr ausgeben kann und will, wird die Beteiligung an einer Gemeinschaftsanlage zur Alternative.

Wieso Ihrer Meinung nach der getrennte Weg, also ein Stromvertrag mit - sagen wir RWE und parallel ein Förder-/Spendenvertrag mit uns, effizienter sein soll, ist für uns nicht nachvollziehbar. Der getrennte Weg bedeutet doch doppelten Verwaltungsaufwand!

Wir haben den getrennten Weg deshalb vorgeschlagen, weil dann der Stromkunde die Zusammenhänge besser überblicken kann. Er erkennt, dass er einerseits weiterhin "Egalstrom" aus dem Netz kauft, aber andereseits durch einen freiwilligen Aufschlag (Spende) die Naturstrom AG in die Lage versetzt, Betreiber von PV-Anlagen durch einen Zuschuss (keine Spende) zu unterstützen.

Der Verwaltungsaufwand verdoppelt sich keineswegs. Im Gegenteil, er verringert sich für die Naturstrom AG beträchtlich. Es entfällt der Stromeinkauf, die Durchleitung, die Verhandlungen mit dem Netzbetreiber, die Zahlung von Stromsteuer etc., weil das alles wie bisher vom bisherigen Stromlieferanten durchgeführt wird.

Nun könnte man hier einwerfen, dass die noch geringen Kundenzahlen der Ökostromanbieter im Vergleich zu etablierten Stromversorgern zu überproportional hohen Verwaltungsaufwendungen führen. In der Anlaufphase stimmt dies sicher, aber gerade von Ihnen, sehr geehrter Herr von Fabeck, überrascht uns dieses Argument sehr. Auch eine Solarzellenfabrik hat im ersten Jahr hohe Anlaufkosten aufgrund von abzutragenden Entwicklungsaufwendungen, mangelnder Produktionserfahrung, hohem Ausschuß und niedriger Kapazitätsauslastung. Niemand käme auf die Idee, auf Basis dieser Preise die Gestehungskosten von Solarstrom zu berechnen, die sicher über 5 DM/kWh lägen. Auch der Fabrikinhaber kalkuliert anders, nämlich mit einem längerfristigen Durchschnittswert. Wir reklamieren für uns das gleiche.

Um günstige Verwaltungskosten zu erreichen, muss man auch nicht so groß wie RWE sein. Viele kleine Gemeindewerke mit einigen tausend Abnehmern können ihre Kunden absolut wettbewerbsfähig versorgen. Es spricht nichts dagegen, dass die Ökostromanbieter nach einer Anlaufphase genauso effizient arbeiten. Zusammen mit unseren kooperierenden Stadtwerken werden jetzt über 8.500 Kunden mit Naturstrom versorgt, damit konnten wir die Zahl unserer Kunden im Jahr 2000 fast verdreifachen. Für 2001 sehen wir ähnliche Wachstumszahlen.

Die von uns beklagte Ineffektivität ergibt sich, wenn man alle bisher gezahlten Zuschläge an die Betreiber von PV- und sonstigen Anlagen auf der einen Seite betrachtet und ihnen gegenüberstellt, wieviel Geld bisher durch Aktienverkauf eingesammelt wurde und welche Aufpreise alle Stromkunden insgesamt bisher an die Naturstrom AG gezahlt haben.

Abschließend noch zwei Anmerkungen:

Der Basisstrom für unser Aufschlagverfahren ist keineswegs "Egalstrom". Wir kaufen keinen Atomstrom ein und deutlich mehr als 50% des Basisstroms werden aus Kraftwärmekopplung und Wasserkraft erzeugt. Das hat zwar keinen unmittelbaren ökologischen Effekt, sorgt aber dafür, dass auch die Nachfrage nach sauberem Strom aus bestehenden Anlagen stabilisiert wird.

Die Naturstrom AG erhielt ihre Zertifizierung vom Grüner Strom Label e.V., nicht dem Ökoinstitut Freiburg, wie Sie irrtümlich schreiben.

Sehr geehrter Herr von Fabeck, wir würden uns freuen, wenn Sie diesen Brief als sachlichen Beitrag zum Thema auch Ihrem Leserkreis zur Kenntnis geben würden. Sollte sich aus unserer Argumentation für Sie gegebenenfalls weiterer Gesprächsbedarf ergeben - ich stehe jederzeit gerne zu Ihrer Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen
Ralf Bischof
Vorstand
Naturstrom AG


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